14.10.2018
Agilität und die Sehnsucht nach Führung

Als ich neulich den blog post einer Personal-Chefin las, musste ich schmunzeln. „Agile Teams sind wartungsintensiv.“ schrieb sie.

Agile Teams sind derzeit in aller Munde. In der Tat haben viele Unternehmen Probleme mit Mitarbeitermotivation und ihrer Fähigkeit zur Veränderung. Große Industrie-Konzerne erkennen, dass sie zu behäbig sind, um die auf uns zukommenden Veränderungen im Rahmen der Vernetzung und Digitalisierung zu meistern. Alle suchen nach Lösungen. Alle wollen Schnellboote werden, denken und handeln wie Start-Ups. Sind agile Teams, die sich selbst organisieren, die Lösung für unsere unternehmerischen Veränderungs-Probleme? Sind Teams, die auf Wandtafeln ihre Aufgaben transparent machen, und in denen jeder selbst entscheidet, entsprechend seinen Neigungen, was er oder sie macht, die vielleicht sogar ihre Chefs selbst demokratisch wählen und sich gegenseitig die Urlaubsscheine unterschreiben, das Allheilmittel?

Was bleibt unterm Strich?

Ich meine: nein. Warum? Wenn ein Handwerker sich an die Arbeit macht, hat er (oder sie) unterschiedliche Werkzeuge in seinem Werkzeugkasten. Einen Hammer, einen Akkuschrauber, vielleicht sogar eine Rolle Duct-Tape, denn es stehen unterschiedliche Probleme an. In der Tat haben sogar Schreiner und Klemptner unterschiedliche Werkzeuge dabei, und das aus gutem Grund. Die Aufgaben und Herausforderungen sind unterschiedliche und es gilt das Problem des Kunden möglichst effizient zu lösen, sonst bleibt dem Handwerker unterm Strich nichts in der Kasse am Monatsende. Das hält keiner lange durch.

Bestmöglicher Prozess oder Kreativität

Zahlenhörigkeit und Kennzahlen-Fetischismus feiern im Management gerne fröhliche Urstände. Falsch verstandene Prozess-Orientierung bringt gerade große Unternehmen an den Rand der Selbsthemmung und führt zu Frustration bei vielen Mitarbeitern. Und jetzt sollen diese Missstände durch „agile Organisationen“ beseitigt werden? Ist es nicht so, dass hier einfache Lösungen für komplexe Probleme gesucht werden? Im Kern der Sache geht es doch darum, in Unternehmen Spannungsfelder unterschiedlichster Couleur zu meistern. Effizienz und Veränderung. Heutige Profitabilität und Investitionen in die Zukunft. Kapitalgeber-Interessen und Mitarbeiter-Interessen. Kundennutzen und Produkt-Kosten. Um dieser Vielfältigkeit gerecht zu werden, benötigen wir unterschiedlichste Führungswerkzeuge in Unternehmen. Und agile Teams sind ein hervorragendes, dort wo sie passen. Das ist insbesondere dort wo es gilt, unbekanntes Terrain zu meistern oder kreative Lösungen zu suchen. Aber das ist eben nur ein Aspekt von Führungsarbeit in Unternehmen. Wir müssen auch akzeptieren, dass Menschen unterschiedliche Stärken und Ausprägungen haben. Die einen haben ihren „sweet spot“ im strukturierten und ausdauernden Arbeiten. Andere sind neugierig, kreativ oder suchen ab und zu eine besondere Herausforderung. Auch Aufgaben sind unterschiedlich. Bei manchen gibt es einen bestmöglichen Weg oder Prozess, der klar ist, bei anderen wiederum ist möglicherweise Kreativität und Fach-Kompetenz gefordert.

Kein Allheilmittel für Führungsdefizite

Für mich ist ein agiles Unternehmen daher ein Unternehmen, dem es gelingt, die organisatorischen Werkzeuge so differenziert und variabel einzusetzen, dass es in seinen Zielmärkten die anstehenden Kundenprobleme wettbewerbsfähig lösen kann. Es agiert immer wieder unterschiedlich, abhängig von Veränderungen am Markt und in der Gesellschaft. Es balanciert Kreativität und Erfahrungswissen immer wieder neu. Dazu gehört, dass die Dosis von Kennzahlen stimmt. Dazu gehört, dass Prozesse nur dort standardisiert werden, wo es Sinn macht. Und für den Rest der Abläufe gibt es kompetente Mitarbeiter und Führungskräfte, die gemeinsam die Chancen und Risiken abwägen und Entscheidungen treffen. Dazu gehört auch, Experten, erfahrenen Mitarbeitern und jungen Nerds Freiraum für vernetztes Arbeiten an Innovationsthemen zu gewähren. Die Gestaltung des unternehmerischen Spielsystems, das Finden der richtigen Wahl an Führungs-Werkzeugen, ist die unternehmerische Herausforderung für die nächsten Jahre. Agile Teams sind ein wertvolles Werkzeug, aber in der Tat „wartungsintensiv“ und müssen hinsichtlich Aufwand und Nutzen bewertet und überlegt eingesetzt werden. Sie sind kein Allheilmittel für Führungsdefizite.

Sehnsucht nach Führung

Wir dürfen im Agilitäts-Hype nicht vergessen: wir Menschen sind soziale Wesen mit unterschiedlichen Talenten und Bedürfnissen. Nicht alle Mitarbeiter haben das Bedürfnis nach maximaler Selbstbestimmung. Viele unserer Mitarbeiter wissen es zu schätzen, wenn ihnen ein Chef den Rücken freihält, Erwartungshaltungen wertschätzend und klar formuliert, und Entscheidungen und die damit verbundene Verantwortung abnimmt. Gute Führung tut gut, Unternehmen wie Mitarbeitern.

Wenn der Selbst-Organisations-Hype dann irgendwann abebbt und wir alle viel dabei über Agilität gelernt haben, werden wir vielleicht eine Diskussion über die Sehnsucht nach Führung erleben.


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