15.09.2018
Auslaufmodell Chef?

Gerade eben komme ich mit vielen frischen Eindrücken aus Japan zurück. Bei meinem Vortrag in einem japanischen Unternehmen durfte ich wieder mal überrascht sein über die eine oder andere Reaktion meiner Zuhörer. Kulturen sind vielfältig. Ebenso Führung in Zeiten der Veränderung. Der Chef der Zukunft wird neue Aspekte der Mitarbeiterführung berücksichtigen müssen. Aber eines bleibt: Chefs müssen ihren Teams und Mitarbeitern Nutzen bieten, um sie erfolgreich zu machen. Und dieser Nutzen kann viele Facetten haben, abhängig vom Team und den Zielen. Einige Aspekte habe ich in meinem nachfolgenden Gastartikel im Wirtschaftsmagazin „Focus“ näher betrachtet:

Der klassische Chef hat ausgedient.

Das vielbeschworene Arbeiten 4.0 bringt tiefgreifende Veränderungen mit sich: Neben agilen Arbeits- und Marktbedingungen, die nach enormer Flexibilität verlangen, wird die Eigenverantwortung des Einzelnen zur neuen Herausforderung – für Vorgesetzte wie für Mitarbeiter. Gefragt sind nicht länger strikte Vorgaben, sondern stringente Verbundenheit. Und zwar Verbundenheit mit dem Unternehmen und seinen Zielen ebenso wie zwischen Chef und Team. Führungskräfte müssen mehr denn je ihr Balancevermögen unter Beweis stellen – im Spannungsfeld zwischen Struktur und Freiraum, zwischen Prozess und Kreativität, zwischen Kennzahl und Emotion.

Ansager adé! Willkommen Sparringspartner!

Der Mitarbeiter 4.0 verlangt viel, nur kein permanentes „Ich sage, du machst“ vom Vorgesetzten. Eigenverantwortliche Mitarbeiter empfinden sich nicht als reine Pflichterfüller, sondern als Teilhaber einer gemeinsamen Zielerreichung. Sie zeichnen sich durch eine hohe Identifikation mit dem Unternehmen aus – und sie wollen für ihr tägliches Tun Sparringspartner, keine Dirigenten. Zugegeben, das erfordert ein klares Bewusstsein für die Bedürfnisse auf Seiten der Mitarbeiter und eine gehörige Portion Vertrauen in die Fähigkeiten des Teams auf Seiten der Chefs. Doch das ist nicht weniger als die Zukunft des Arbeitens in Zeiten des Wandels. Für viele Chefs bedeutet das ein radikales Umdenken: Der eigene Erfolg muss für sie zwingend darin bestehen, ihren Mitarbeitern zu nützen und ihnen zu Erfolgen zu verhelfen. In der Praxis heißt das sozusagen Führung im Hintergrund und bei Bedarf. Denn eigenverantwortliche Mitarbeiter wissen, wann sie einen Sparringspartner brauchen.

Troubleshooter benötigt!

Auch der beste Mitarbeiter kann in herausfordernden Situationen mit seinen Bewältigungsstrategien und -möglichkeiten an Grenzen geraten. Im Sinne der Eigenverantwortung verfällt er dann jedoch weder in Schockstarre noch versucht er, seine Not unter den Teppich zu kehren oder das Problem zu verlagern. Er holt sich vielmehr Hilfe beim Chef. Denn Chefs 4.0 bringen dorthin Licht, wo es am Dunkelsten ist und weisen einen Weg aus dem Dilemma – mit Rat und Ressourcen, nicht mit Ressentiments.

Impulsgeber gefragt!

Manchmal steckt das Team fest und sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Dann fehlt der Blick für Lösungswege oder benötigte Ressourcen, das Denken verharrt in altbekannten Mustern, gewohnte Abläufe funktionieren nicht länger. In solchen Momenten braucht es einen Impulsgeber, mit dem Wissen eines Insiders und dem Blick eines Helikopters. Eigenverantwortliche Mitarbeiter wenden sich in diesen Momenten an ihren Chef – der die gewünschte Rolle auszufüllen weiß und mit seinen Hinweisen und Feedback dafür sorgt, dass Projekte vorangehen statt steckenbleiben.

Türöffner gewünscht!

Zwar tritt beim Arbeiten 4.0 die Hierarchie zwischen Führungskräften und Mitarbeitern zurück, das Netzwerken steht auch abteilungsübergreifend im Vordergrund, doch es wird weiterhin Situationen geben, in denen Mitarbeiter auf ihrer Arbeitsebene nichts mehr bewegen können, um ans Ziel zu gelangen. Dann braucht es Aktionen auf höherer Ebene. Eigenverantwortliche Mitarbeiter nehmen ihren Chef in Anspruch, wenn es gilt, für sie verschlossene Türen zu öffnen, um weiterzukommen. Den Weg bis zu jenen Türen schaffen sie alleine.

Coach gesucht!

Der Anspruch an die soft skills ist auf Vorgesetzten- wie auf Mitarbeiterseite enorm gewachsen. Längst zählt nicht nur Fachwissen, die Dauer der Betriebszugehörigkeit oder die gute Vernetzung innerhalb des Unternehmens. Vielmehr spielt die Persönlichkeit des Einzelnen eine beachtete Rolle. Dem Selbstmanagement wird angesichts der wachsenden Anforderungen im Arbeitsalltag größere Bedeutung beigemessen. Das verlangt von Führungskräften nicht nur eigene Reflektionsfähigkeit, sondern auch das Vermögen, Stärken Defizite bei anderen zu erkennen. Eigenverantwortliche Mitarbeiter nutzen ihren Chef auch als Coach – nämlich dann, wenn ihre Verhaltensmuster die Leistung negativ beeinträchtigen oder ihnen das Selbstvertrauen für bestimmte Aufgaben fehlt.

Kurskorrektur fällig!

Auch wenn Mitarbeiter 4.0 sich gut alleine zurechtfinden und es gewohnt sind, selbst Entscheidungen zu fällen und Handlungsbedarf zu erkennen, sind sie nicht vor Irrwegen gefeit. Im Laufe eines Prozesses kann das Team aufgrund verschiedener Einflussfaktoren durchaus das Ziel aus den Augen verlieren und auf Abwege geraten. Eigenverantwortliche Mitarbeiter verfolgen dann nicht beharrlich den eingeschlagenen Weg, sondern halten inne – und bitten ihren Chef um Kurskorrektur. Sie wissen, dass der Blick von oben das Wegenetz viel schneller erkennen lässt als die Perspektive auf dem Weg selbst. Ist der Kurs korrigiert, finden sie sich wieder allein zurecht.

Kritik willkommen!

Bei aller Selbstreflexion und einem Bewusstsein für sich selbst hat doch jeder von uns blinde Flecken. Gleichzeitig treibt uns der Wunsch nach Bestätigung voran. Eigenverantwortliche Mitarbeiter wollen ihre Stärken UND ihre Schwächen kennen. Sie wollen wissen, wo sie stehen. Deshalb holen sie sich bei Bedarf von ihrem Chef Feedback – für ihre Leistung ebenso wie zu ihrer Person. Denn eines wissen sie schon vorher: Kritik ist konstruktiv, wenn sie das Licht auf blinde Flecken richtet, auf Potenzial und Besserungsbedarf.

Mutmacher gebraucht!

Nicht jeder Mitarbeiter ist von Natur aus mit einer großen Portion Selbstvertrauen gesegnet. Und auch, wenn eigenverantwortliche Mitarbeiter wissen, dass sie auf ihre Fähigkeiten vertrauen können, stehen sie manchmal vor Herausforderungen, die sie echte Überwindung kosten. Wenn dann Zweifel, Ängste und Vorbehalte das Denken regieren, braucht es Ermutigung von außen, um sich seines Leistungsvermögens wieder bewusst zu werden. Hier ist der Chef als Mutmacher gefragt. Die Herausforderung selbst besteht das Team mit gemeinsamer Kraft.

Förderung gefordert!

Das eigene Potenzial zu erkennen und auszubauen, ist bei aller Eigenverantwortung nicht jedes Mitarbeiters Sache. Manchmal sehen andere in uns schneller und klarer, worin unsere Stärken liegen und für welche Aufgaben wir geeignet sind. Um auf der Karriereleiter voranzukommen, bedarf es nicht nur Bereitschaft und Entschlossenheit, sondern auch der Förderung durch Vorgesetzte. Eigenverantwortliche Mitarbeiter fordern diese Förderung ein – und Chefs 4.0 sorgen nicht für Hindernisse auf dem Weg nach oben, sondern räumen diese stattdessen fort.

Selbstorganisation hat Grenzen

Fakt ist: Auch die beste Selbstorganisation hat ihre Grenzen, nämlich bei uns Menschen selbst. Deshalb braucht es gelegentlich klar formulierte Erwartungshaltungen und Ansagen eines Chefs, um ein Team voranzubringen. Nur jeden Tag (hoffentlich) ein bisschen weniger.

 

Der link zum Focus-Artikel: www.focus.de/9527473


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