29.04.2018
"Big Data without Big Ideas ist Big Bullshit"

Über Goldgräberstimmung und Zukunftsängste mit dem Internet der Dinge

 

Die diesjährige Hannover Messe ist Ende und es war wieder einmal faszinierend was dort an Innovation und Zukunft gezeigt wurde. Grillthermometer mit Bluetooth-Verbindung zum Smartphone. Reality Pods, die virtuell alle Sinne ansprechen, auch Geruch. Roboter, die Hand in Hand mit Menschen arbeiten und Weizenbier ausschenken.

Bricht eine Revolution über uns herein?

Datenerfassung, Verarbeitung und deren Vernetzung ist kostengünstig und überall auf der Welt verfügbar. Damit wurden Randbedingungen für Innovationen geschaffen, die wir vermutlich so noch nie hatten. Von „disruptiv“, „künstlicher Intelligenz“, und „neuen Geschäftsmodellen auf der Basis von Big Data“ wird euphorisch berichtet. Wenig aber darüber, was das für die Unternehmen und die Menschen darin bedeutet. Bricht wirklich eine Revolution über uns herein?

Es gibt keine Prozessbeschreibung

Werden wir bald alle Arbeiten digitalisieren? Alle Prozesse vernetzten? Mein virtuelles Horrorszenario der Fabrik der Zukunft sieht so aus, dass alle Menschen, Maschinen und Prozesse in unseren Fabriken intelligent vernetzt sind. Selbstlernende Software optimiert die Effizienz immer weiter. Und irgendwie stolpert dann ein Mitarbeiter über das Stromkabel (was als möglicher Fehler bei der Risiko-Analyse vergessen wurde), der Strom ist dann weg, und alles fährt runter. Nix geht mehr. Alle Mitarbeiter bleiben liegen, denn für diesen Fall ist keine Software-Routine vorbereitet und es gibt keine Prozessbeschreibung dafür.

Räucherstäbchen und Klangschalen

Was hier vielleicht exemplarisch etwas bizarr oder gar lustig anmutet, ist für mich schon eine Frage, mit der wir uns beschäftigen sollten: Wie schaffen wir es in einer Welt von Big Data und Vernetzungs-Experten, unsere Unternehmen so weiter zu entwickeln, daß nicht eine Polarisierung entsteht zwischen neuer digitaler Welt, die Zukunft bedeutet, und alter analoger Welt, die anscheinend bald keiner mehr braucht. In der einen Welt brainstormen hochintelligente „IT-Nerds“ in „inspiring work conditions“, mit Räucherstäbchen und Klangschalen an virtuellen Lösungen der Zukunft. In der anderen Welt produzieren analoge Menschen „altmodische“ Produkte, sehen dass bei Ihnen seit 30 Jahren keine Toiletten mehr saniert wurden, weil das Geld eben zur Finanzierung der „virtual reality“ benötigt wird. Wir sollten uns dann nicht wundern, wenn diese Mitarbeiter sich Sorgen darüber machen, dass man sie möglicherweise bald nicht mehr brauchen wird.

Wir brauchen differenzierte Führungsansätze

Ich glaube, eine unserer großen industrielle Herausforderung für die nächsten Jahre wird sein, die vermeintliche alte Welt und die neuen Möglichkeiten zusammenzubringen. Die Kollegen die über Produkt- und Marktwissen verfügen, mit den „Nerds“ zusammenzubringen, um neues Wissen zu generieren und die alte Welt auf ein neues Niveau zu heben. Und dazu brauchen wir differenziert passende Führungsmethoden: dort wo Kreativität benötigt wird, benötigen wir unterschiedliche Disziplinen mit altem und neuem Wissen an einem Tisch. Ein Kundenproblem im Mittelpunkt. Ein geschützter Raum zum Experimentieren, in dem Fehlermachen als Lernen gesehen wird. Ein Chef, der inspiriert und bewusst einen angstfreien Raum schafft. Denn Kreativität entsteht nur in Angst-freien Räumen. Auf der anderen Seite benötigen wir weiterhin klassische Management-Methoden, die Prozess-Sicherheit und Effizient entstehen lassen. Und dabei gibt es keine Wertung „gute neue digitale Welt“ und „schlechte analoge alte Welt“. Egal in welchem Bereich unsere Mitarbeiter arbeiten, sie müssen alle täglich spüren, dass sie wertvoll sind und ihre Arbeit respektiert wird.

Big Data – Big Bullshit?

Nein. Wir dürfen nicht einfach nur wild „big data“ sammeln ohne nachzudenken. Wir müssen immer im Zentrum eine Frage haben: wie schaffen wir damit einen Mehrwert für unsere Kunden? Sonst wird daraus schnell, wie es ein Freund von mir vor kurzem bezeichnete: „Big Data ohne Big Ideas ist Big Bullshit“. Sehr prägnant formuliert, wie ich meine. Wir sollten gut überlegen, wie wir mit dem Wissen der vermeintlich alten Welt in Verbindung mit den Möglichkeiten der neuen, digitalen Welt, Mehrwert für Kunden schaffen können. Dann werden daraus „Big Ideas“, auf die alle unserer Mitarbeiter stolz sein können und die einen Ansporn für alle generieren, sich selbst und das Unternehmen weiter zu entwickeln.

Warum nicht einfach wieder einstecken?

Wenn dann versehentlich irgend jemand in unserer voll vernetzten Fabrik der Zukunft über das Stromkabel stolpert, dann können wir sicher sein: unsere Mitarbeiter werden nicht wie Connectivity-Opfer liegen bleiben. Nein, sie werden wieder aufstehen, miteinander reden und selbst nachdenken, wie sie das Problem gemeinsam lösen können. Und einer hat dann sicher die großartige Idee: warum stecken wir nicht einfach den Stecker wieder rein? Fehlende Prozessbeschreibung hin oder her.


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