15.07.2018
Kraftquelle Unternehmensseele

Warum Unternehmen für die Digitalisierung mehr brauchen als Tech-Talk und CDOs, und warum auch Tischkicker und Räucherstäbchen nicht ausreichen, erklärt der Experte für Unternehmensveränderung Bruno Hartmann in einem Gastbeitrag

 

„Wie sieht unsere Digitalisierungsstrategie aus?“, wird derzeit von vielen Vorständen, Aufsichtsräten und Management-Teams diskutiert. Ist das die richtige Fragestellung? Geht es wirklich um digitale Transformation? Oder vielmehr darum, wie wir die neuen Möglichkeiten nutzen können, um für Kunden und unsere Unternehmen Werte zu generieren? Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Wie grenzen wir uns zukünftig vom Wettbewerb ab? Wie schärfen wir dabei unsere Positionierung? Strategische Fragen, die nach Antworten verlangen, bevor Big Data-Auswertungen das Geschäft dominieren. Kunden werden auch künftig für Problemlösungen und gute Gefühle bezahlen. Darauf müssen wir uns fokussieren: Für welche Lösungen und guten Gefühle bezahlen uns Kunden auch noch morgen? Das kollektive Gefühl, mit anderen gemeinsam einen Wert zu schaffen, auf den man stolz sein kann, Ziele zu erreichen, die ein Einzelner nie erreichen könnte, Wettbewerber hinter sich zu lassen – das wird den Unterschied machen. Also die Unternehmensseele. Die Digitalisierung fordert Unternehmen stärker denn je heraus, Strategie und Identifikation in Einklang mit Datenströmen, neuen Geschäftsmodellen und automatisierten Prozessen zu bringen.

Die Unternehmensseele kennt keine Kennzahlen, sondern Commitment

Dem Seelenzustand eines Unternehmens kommt eine dramatisch wachsende Bedeutung als Kraftquelle beim bevorstehenden Wandel zu. Um Innovationen voranzutreiben, brauchen Unternehmen kompetente, selbstständig denkende Mitarbeiter mit hoher Identifikation. Diese Identifikation ist ein wesentlicher Teil der Unternehmensseele. Dazu sind mehr als „inspiring work conditions“ mit Tischkicker und Räucherstäbchen erforderlich. Die vielbeschworene New Work funktioniert nur mit Mitarbeitern, die mitdenken und eigenverantwortlich handeln, die – egal, wo sie sitzen und wie zeitversetzt sie arbeiten – eine gemeinsame Vision teilen und sich als gewinnbringenden Teil des Ganzen begreifen. Der Faktor Unternehmensseele lässt sich zwar nicht mit einer Kennzahl messen, aber ihre Ausprägung zeigt sich auf allen Ebenen der Zusammenarbeit. Engagierte, selbstständig handelnde Mitarbeiter, die konstruktiv Managementfehler ausgleichen sowie Führungskräfte, die Mitarbeiter „wachsen“ lassen, sind eindeutige Indizien fürs unternehmerische Seelenheil. Genauso wie begeisterte, treue Kunden und Geschäftspartner. Um im Zeitalter des Arbeitens 4.0 dauerhaft erfolgreich zu sein, bedarf es eines gelungenen Drahtseilaktes zwischen Investition in die Zukunft, Lernen, Cashflow und dem Wohl der innerbetrieblichen Seele. Denn sie ist das Zünglein an der Waage, wie gut sich Mitarbeiter in ihrem Job fühlen und wie stark sie sich mit dem identifizieren, wofür das Unternehmen steht. Sie wird den Unterschied machen zwischen sehr erfolgreichen Unternehmen und dem Rest. Wohin der Zeiger ausschlägt, lässt sich aktiv beeinflussen:

#1: Welcher Chef tut der Unternehmensseele gut?

Inkompetenz, überzogener Narzissmus oder Realitätsverlust – das Verhalten von Chefs kann etliche Anlässe bieten, sich „fremd“ zu schämen, in die innere Emigration zu entschwinden oder Konflikte heraufzubeschwören. Führungskräfte sind entscheidend für das Seelenwohl des Unternehmens. Mitarbeiter wünschen sich Leitwölfe, auf die sie stolz sein können. Es gibt kaum eine Entscheidung, die ähnlich kulturprägend ist im Unternehmen, als jene, wer Chef wird. Entscheider sollten sich bei anstehenden Beförderungen fragen:

#2: Welches Wertesystem sollen Chefs vorleben?

Der wahrgenommene Wert, den Mitarbeiter wie Führungskräfte für die Kunden des Unternehmens schaffen, ist ein sehr wichtiger Teil der betrieblichen Seele, egal ob sie Connectivity Transmitter entwickeln, Whirlpools produzieren oder Currywurst braten. Bei allem, was Organisationen tun, sollten Strategien und Handeln auf dem Prüfstand stehen: Welchen Mix an Führungskräften brauchen wir, um unser Team durch unsicheres Terrain zu führen, für das es noch keine Landkarten gibt? Welche Fähigkeiten und Verhaltensweisen werden benötigt, um unserer Vision ein Stück näher zu kommen?

#3: Wozu braucht uns die Welt?

Die Seele eines Unternehmens wird nicht nur zum Entscheidungskriterium für den heiß begehrten Fach- und Führungskräftenachwuchs, sondern auch zum unverzichtbaren Schmiermittel im Getriebe der Digitalisierung. Welche Probleme von Kunden helfen wir zu lösen? Welche positiven Gefühle erzeugen wir? Spätestens seit den Mitarbeitergenerationen Y und Z wissen wir, dass sinnstiftendes Tun ein entscheidendes Kriterium für Commitment, Engagement und Motivation ist. Physikalische Grundprinzipien verlieren auch in einer digitalen Welt nicht an Geltung. Menschen werden weiterhin Gefühle haben. Daher werden die meisten Unternehmen einen eigenen, neuen Weg finden müssen, der möglicherweise wenig mit den „shining stars“ der neuen Wirtschaftswelt gemein hat. Es gilt zu verstehen: Welches Wissen, das sie bis heute wertvoll gemacht hat, ist morgen noch valide? Wie lassen sich bisherige Produkte und Dienstleistungen mit den neuen Möglichkeiten weiterentwickeln? Wie balancieren sie Chancen der neuen Technologien mit deren Risiken? Ob Spargelbauern mit appgesteuerten Temperatur-Sensoren zur Ertragssteigerung oder der Produktionsbetrieb, der mittels Drohnen in einem Bruchteil der Zeit seine Inventur durchführen kann ‒ Geschäftsmodelle wandeln sich. Chancen gibt es viele. Doch um diese zu nutzen, reicht es nicht, Chief Digital Officers einzusetzen und allein auf ihr Know-how zu hoffen. Für das, was vor uns liegt, gibt es weder Blaupause noch Masterplan. Wir müssen vielmehr individuell neues Wissen entwickeln und lernen. Das gilt für alle im Unternehmen. Eine starke Unternehmensseele wird dabei helfen, mögliche Ängste zu mindern und das nötige Selbstbewusstsein freizusetzen.

Bereit für ein Start-up aus alter und neuer Welt?

Lassen Sie die „alten Hasen“, die Geschäft und Kunden kennen, gemeinsam mit den „jungen Wilden“ diskutieren, wie sie mit ihrem gemeinsamen Wissen künftig Wert für Kunden schaffen und Ihr Geschäftsmodell weiter entwickeln können. Geben Sie ihnen Freiraum für Arbeiten in Experten-Netzwerken und Budgets zum Experimentieren. Lassen Sie in diesen Teams eine gewisse Start-up-Mentalität wachsen: mit den neuen technischen Möglichkeiten ein Kundenproblem um Lichtjahre besser zu lösen als alles bisher Dagewesene. Warum sollen nicht die Erfahrenen und der Nachwuchs gemeinsam eine Delle ins Universum hauen? Diese Erfolge gilt es, zu skalieren und in die Breite des Unternehmens zu tragen. Wenn wir zulassen, dass sich in unseren Unternehmen Lager bilden für eine „alte, wertlose analoge Welt“ und eine „neue, sexy digitale Welt“, werden viele scheitern. Die Digitalisierung führt zu Verunsicherung bei Mitarbeitern. Diese hemmt unsere Fähigkeit zur Kreativität und zum Lernen. Aber genau diese Fähigkeiten sind dominante Erfolgsfaktoren auf dem Weg in die digitale Welt. Wir Menschen sind soziale Wesen und schöpfen deshalb Kraft aus Gruppen. Nutzen Sie diesen Umstand für die Weiterentwicklung im Unternehmen: Nutzen Sie vorhandene Emotionen statt nur weitere Kennzahlen ins Feld zu führen. Fördern Sie die positive Wahrnehmung dessen, was alle gemeinsam für Ihre Kunden tun und sprechen Sie darüber. Gehen Sie so respektvoll miteinander um, dass Mitarbeiter und Führungskräfte auf ihr Team stolz sein können. Das gelegentliche persönliche Kundengespräch oder das Anschauen eines emotionsgeladenen Image-Films, der den Nutzen für die Welt zeigt, liefern ergänzende Impulse für ein „gutes Gefühl“ der gemeinsamen Sache. Das ist Futter für die Seele, schenkt Kraft, Selbstbewusstsein und Identifikation. Und bereit den Boden für eine gelungene Transformation.

Bruno Hartmann ist Autor des Buchs „Drahtseilakt Unternehmenswandel“ (Springer Gabler) und Keynote Speaker. Er hat in mehr als 25 Jahren internationaler Berufspraxis sowohl das Erstarken als auch das Schwinden der Seele von Unternehmen beobachtet. Als Ingenieur hat er die Auflösung des Mannesmann-Konzerns miterlebt und den Wandel eines Mittelständlers zu einem modernen Industrieunternehmen mitgestaltet. Heute hat er eine leitende Funktion im Vertrieb eines Technologiekonzerns

Den Original-Artikel finden Sie unter:

www.capital.de/wirtschaft-politik/kraftquelle-unternehmensseele

 


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