19.11.2018
Wer braucht denn Bargeld?

Es ist 6h morgens. Ich stehe in der Rezeptionshalle eines feinen Hotels am Stadtrand von Shanghai und frage nach einem Taxi zum Flughafen. Mein Flug geht um kurz vor acht. Die Damen hinterm Tresen sprechen zu meiner Überraschung kein Englisch und zücken ihre Handys: Kommunikation via Smart Phone mit dem chinesischen Äquivalent von „Google Translator“. Ich schaffe es auf den Flieger in eine kleine Stadt Südosten Chinas. Es ist eine Stadt, die bei uns in Deutschland außer ein paar China-Experten vermutlich niemand kennt. Klar, die Metropolen Shanghai und Peking sind hoch entwickelt. Was erwartet mich im Hinterland, kurz vor der Grenze zu Vietnam? Ich bin gespannt.

Die nehmen kein Bargeld

Ich treffe David, den Freund eines Freundes, mit dem ich zwei Tage unterwegs sein darf. Wie viele Chinesen, hat er sich der Mid-30er einen westlichen Vornamen gegeben. Er und seine Frau arbeiten beide. Die Tochter lebt bei den Großeltern. Sie sehen sie einmal im Monat. Das Etappenziel unserer Reise, die kleine Stadt, die bei uns keiner kennt, hat 1,7 Mio Einwohner. Ah, klein. Ein Geruch, der mich spontan etwas an „Stahlwerk“ oder „Gießerei“ erinnert, hängt in der Luft. „Das sind die Nudeln, für die diese Stadt berühmt ist. Willst Du sie probieren?“, fragt mich David. Ich will natürlich, und so enden wir zum Mittagessen in einer kleinen Suppenküche, die ich aufgrund des äußeren Eindrucks alleine niemals betreten hätte. „Hier gibt es die besten Nudelsuppen der Stadt!“. Er fokussiert mit seinem Smart Phone den QR Code, der vor der alten Frau auf dem wackeligen Tresen steht, und tippt etwas. „Was machst Du?“ frage ich. Er grinst. „Bezahlen! Die nehmen hier kein Bargeld.“ Wow. Was für eine krasse Verbindung zwischen alter und neuer vernetzter Welt!

Ein besseres Leben

Die Digitalisierung prägt China bereits massiv. Nicht nur was den Einsatz von Robotern in Fabriken oder bei der Nutzung von virtuellen Moderatoren, die zukünftig, ausgestattet mit künstlicher Intelligenz, die Nachrichten lesen sollen. Die Vernetzung schafft neue Märkte auch im Kleinen. Und die Menschen hier nutzten diese Möglichkeiten ohne Vorbehalte. Du kannst kochen? Stell deine Fähigkeiten auf eine App. Du hast einen Motorroller? Stell deine Fähigkeiten auf eine App. Vernetzt beide, und schon ist ein Essens-Lieferdienst entstanden. Ich bin wirklich beeindruckt ob der Breitennutzung der Digitalisierung in diesem Land. Schließlich geht es für viele darum, sich ein besseres Leben aufzubauen. Dass ich hier fast überall „4G“ Signalstärke vorfinde, spricht eine eigene Geschichte. Deutsche Unternehmen in ländlichen Gebieten würden sich eine solche Signal-Abdeckung wünschen.

QR Codes und Bettler

Die Suppe hat ihren ganz eigenen Geschmack. Auf Nachfrage finde ich einige Zutaten heraus. Die kleinen dunklen Kügelchen entpuppen sich als Schnecken. Dennoch lecker. David tippt wieder am Smart Phone. Das Taxi kommt, oder möglicherweise eine chinesische Variante von Uber, ich weiß nicht. Aber es geht schnell. Im Taxi: ein QR Code. Ah, er bezahlt wieder mit dem Telefon. „Wir brauchen hier kaum noch Bargeld. Du kannst fast immer über „wechat“ oder „Ali-Pay“ bezahlen. Nicht mal unsere Bettler brauchen Bargeld. Auch die lassen sich Spenden über QR Code bezahlen.“ Jetzt werde ich unsicher. Das wirkt bizarr. Veräppelt er mich jetzt? Bettler, die sich über Ali-Pay online bezahlen lassen? Kann das sein? „Ja, wirklich!“, unterstreicht David. Ich glaube ihm nicht. Als wir abends durch die Innenstadt laufen, bleibe ich bei einem Straßen-Musiker stehen. Er spielt Gitarre und singt. Vor ihm sein Gitarrenkoffer mit ein paar Scheinen drin und ... einem Schild mit seinem ... QR Code. Er hatte recht: man kann hier Bettler online spenden!

Wir sind fokussiert

Natürlich werden in China unzählige Daten gesammelt, und was damit gemacht wird, ist sicherlich unklar, vielleicht auch mit unserer Sicht der Dinge fragwürdig. Aber die Menschen hier scheinen kein Problem damit zu haben, transparent zu sein. Mit den Möglichkeiten der Vernetzung wird eine neue Balance zwischen individueller Freiheit und Gemeinwohl gesucht. David erzählt mir eine Geschichte: als sich vor einiger Zeit ein Arzt in einem Zug daneben benommen hatte und eine Frau rüde angegangen war, hat jemand ein Video davon im Netz geteilt und daraufhin sind die Behörden eingeschritten. Datenschützer in unserem Land würden bei dem Gedanken sicher zucken. China ist anders. China ist ein kommunistisch regiertes Land, praktiziert aber Kapitalismus an allen Ecken und Enden. „Es ist egal, ob eine Katze weiß oder schwarz ist, Hauptsache sie fängt Mäuse! Wir wollen alle die Wirtschaft voranbringen um den Wohlstand zu steigern. Politik lenkt uns nicht ab. Wir streiten uns nicht, so wie die Demokraten und Republikaner in USA. Und genau dieser Fokus ist unsere Stärke!“, erklärt mir mein Begleiter.

Lust auf eine Fuß-Massage?

Auf dem Rückweg fragt er mich, ob ich Lust auf eine Fußmassage hätte. Er tippt kurz auf seinem Smart Phone und findet eine Möglichkeit nur zwei Gehminuten vom Hotel. Wieder ein Lokal, in das ich alleine nie reinginge. Entspannende 60 Minuten nach einem anstrengenden Tag für umgerechnet 10 €. Als ich ihm das Geld geben möchte sagt er mir: „Meine Eltern waren arm. Als ich ein Kind war hatten wir kein Geld, um Eier zu kaufen. Von Fleisch ganz zu schweigen. Heute habe ich eine Wohnung, ein Auto. Habe einen guten Job. Ich kann essen gehen. Ich kann mit Menschen wie Dir offen über die Welt und China reden. Ich hätte mir das nie zu träumen gewagt, dass ich mal so ein Leben führen darf. Ich bin reich! Und so dankbar. Lass Dein Geld stecken.“

 

Ich bin berührt von dem, was David sagt. Ich kenne ihn erst seit heute morgen. Und ich bin beeindruckt, von dem, was in diesem Land passiert und mit welcher Geschwindigkeit die Menschen hier die neuen technischen Möglichkeiten als Chance nutzen.


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